Leerstellen
Das Bild, das wir uns von der Vergangenheit machen, ist in entscheidender Weise auch mitgeprägt vom historischen Film. Was in ihm gezeigt, aber eben auch, was in ihm nicht gezeigt wird, trägt entscheidend dazu bei, wie wir in unseren individuellen und kollektiven Vorstellung Vergangenheit visualisieren.
Diese Bedeutung des Films für das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Kenntnis oder die Unkenntnis der Filmemacher*innen über die Alltags- und Wirtschafts-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte ist daher entscheidend für die Stimmigkeit einer Szene oder ein falsches und damit verfälschendes Bild.
Im Folgenden soll daher exemplarisch auf einige historische Phänomene und Fakten eingegangen werden, die aus dem kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft weitgehend oder vollständig verschwunden sind, die aus eben diesem Grund auch nicht mehr im Bewusstsein der Filmemacher*innen vorhanden sind, und die durch ihre damit zwangsläufig fehlende Visualisierung auch weiterhin ein Bild vergangener Zeiten reproduzieren, das im besten Falle unvollständig, in vielen Fällen fehlerhaft, und im schlimmsten Fall sogar geschichtsklitternd ist.
Das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945
Viele deutsche und internationale Filme widmen sich der Zeit des Nationalsozialismus.
Viele dieser Filme weisen in einer bemerkenswerten Übereinstimmung ebenso ganz bestimmte Leerstellen auf, die wiederum höchst problematisch sind.
Zum einen taucht die im öffentlichen Raum während der Zeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft omnipäsente antisemitische Hetze bemerkenswerterweise in nahezu kaum einem deutschen oder internationalen Spielfilm über die NS-Zeit im Hintergrund auf
Dabei sind Stürmerkästen und die in nahezu allen Orten aufgestellten Schildern mit der Aufschrift „Juden sind an diesem Ort unerwünscht“ oder Verbotsschildern, die Juden, aber auch Sinti und Roma den Aufenthalt an bestimmten Orten wie Parks oder das Benutzen von Bänken verbieten, in der NS-Diktatur allgegenwärtig.
Damit allerdings werden zu jener Zeit ideologisch hoch aufgeladenen Orte – ob nun bewusst oder unbedacht – letztlich visuell entideologisiert und idyllisiert, wenn sie fälschlicherweise und in geradezu verfälschender Weise nicht anders aussehen als etwa im Jahre 1930 oder 1950, nur eben mit ein paar Hakenkreuzfahnen.
Das Gleiche gilt für die in der zweiten Kriegshälfte ebenso omnipräsente Zwangsarbeit, die von Kriegsgefangenen, KZ-Häftlingen oder zur Zwangsarbeit Verschleppten geleistet wurde. 13 Millionen Menschen mussten Zwangsarbeit auf dem Gebiet des Deutschen Reiches und weitere 13 Millionen Menschen mussten Zwangsarbeit im vom Nazideutschland besetzten Europa leisten. Diese Arbeit in den Fabriken oder in der Landwirtschaft, aber auch beim Beseitigen von Trümmern nach Bombenangriffen und der lebensgefährlichen Entschärfung von Blindgängern ist in den meisten Spielfilmen ebenso unsichtbar.
Die Problematik liegt dabei darin, dass diese Filme häufig die Perspektive der so genannten einfachen Deutschen einnehmen und präsentieren, die ohne diese in jedem Ort dieser Zeit offensichtliche antisemitische Hetzte und ohne die für alle Deutschen offensichtliche Zwangsarbeit als Opfer der Zeit und der Umstände dargestellt werden können, die vermeintlich keine Berührungspunkte mit und somit vermeintlich auch keinen Anteil an den Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes hätten.
Zeitgenössische Fotografien und Filmaufnahmen belegen jedoch eindeutig, dass jene Exculpierung von den vermeintlich unpolitischen und in die Verbrechen des NS-Regimes vermeintlich nicht involvierten vorgeblich normalen Deutschen, die diese Filme – implizit und sicherlich unbeabsichtigt, aber faktisch dennoch – vollziehen, historisch unhaltbar ist.